Feierabendgedanke

Wenn man sich diese Welt so anschaut, sieht man vor allem eines: Zerstörung. Jede Menge davon, soweit das Auge reicht. Beabsichtigt oder nicht, der Mensch ist ein ganz schön krasses Trampeltier, was seine Existenz und das Leben auf dieser Erde betrifft. Ergibt im ersten Augenblick nicht so viel Sinn, wenn man bedenkt, dass der Mensch zuallererst ein Wesen ist, das Dinge erschaffen will (ja, wirklich wahr!). Im zweiten Augenblick fällt einem dann ein: das mit den Gegensatzpaaren ist nicht so einfach. Ohne Gut kein Böse, ohne Dunkelheit kein Licht, ohne Zerstörung kein Erschaffen, und so weiter. Plump gesagt: Wir Deppen müssen immer erstmal was kaputt machen, um zu lernen, wie man etwas aufbaut oder repariert. Das wiederum ergibt Sinn, beobachtet man schließlich schon bei Kleinkindern. Bauklötzchen auftürmen, umwerfen. Wieder neu auftürmen, umwerfen. Auftürmen, umwerfen, auftürmen, umwerfen. Kinder haben sogar einen Riesenspaß dabei. Klar, die Bauklötzchen stört’s ja nicht. Die bekommen wahrscheinlich wenig bis gar nichts davon mit, also gar kein Problem. So weit, so gut. Unfälle oder gelegentliche Anfälle von Blödheit fallen natürlich in eine ähnliche Kategorie. Wer von uns hat beim Spülen noch kein Glas zerdeppert? Auch das hat nichts mit böswilliger Zerstörungswut zu tun (es sei denn, im Regal gibt es keinen Platz mehr für dieses viel schönere Gläser-Set … nein, nein, ich würde selbstverständlich nie jemandem etwas unterstellen). Betrachtet man den menschlichen Hang zur Zerstörung jedoch in größeren Maßstäben oder einfach in einem anderen Kontext, wird’s kritisch. Und was ich hier so flapsig-provokant »böswillige Zerstörungswut« nenne, ist – was umso tragischer ist – meistens nicht einmal böse, absichtlich oder wütend. Wir zerstören schließlich nicht nur Gegenstände, sondern auch Dinge, die man nicht anfassen kann und die keinen materiellen Wert besitzen. Oder besser: Dinge, deren immaterieller Wert unermesslich ist. Oft sind da auch Dinge dabei, die man weder aufbauen noch reparieren kann. Mitunter Dinge, die unersetzlich sind. Unersetzlich. Das bedeutet, sie sind in ihrer Art einmalig und unwiederbringlich (das heißt »für immer«, das wiederum heißt »endgültig« ) verloren, wenn man sie einmal zerdeppert hat. Das heißt, es gibt keine Möglichkeit, absolut keine, sie wieder aufzubauen, zu reparieren oder gar zu ersetzen.*

Aber meine Gedanken schweifen ab. Wie gesagt, nicht alles, was wir zerstören oder grandios vermasseln, machen wir absichtlich, aus bösem Willen oder weil wir Bock drauf haben, auf einem großen Scherbenhaufen zu tanzen. Aber es gibt auch Menschen, die einfach nur böse sind. Die machen das absichtlich. Und wollen es auch. Es gibt Menschen auf dieser Welt, die wollen nichts erschaffen. Es gibt Menschen, die in der falschen, kranken Annahme, etwas erschaffen zu wollen, eigentlich nichts anderes tun, als alles in Stücke zu hauen. Es gibt Menschen, die mit ihrer blinden Zerstörungswut Leid und Schmerz verbreiten. Die sowohl materielle als auch immaterielle Dinge unwiederbringlich zerstören und sich und allen anderen damit schaden.

Und wieder schweifen meine Gedanken ab. Nein, hier soll es nicht um Umweltschutz, Kriege, Verbrecher oder um ein wie auch immer geartetes menschliches Versagen gehen. Es geht um Schöpfung und Zerstörung. Es geht darum, dass der Mensch dort, wo er erschafft und zerdeppert, vor allem eins ist: harmoniebedürftig. Und so sehr ich diese Menschen auch verabscheue, ich weiß, dass gerade diejenigen, die besonders viel kaputtmachen eben genau die sind, die sich verzweifelt nach Frieden sehnen. Irgendwo in ihrem Innern zumindest, wo sie all die Verletzlichkeit und die Sehnsucht nach allem, was recht und gut ist, vergraben, weggesperrt und schließlich vergessen haben. Zerstörungswut ist nicht umsonst blind. Diese Wut steckt letztendlich in uns allen. Und da wären wir wieder am Anfang, bei den Gegensätzen. Licht und Dunkelheit, Stärke und Schwäche. Ja, jeder trägt die Wut in sich. Genauso, wie jeder den Wunsch nach Frieden in sich trägt. Doch das, was dich oder mich von denen unterscheidet, die besonders viel zerstören, ist einfach nur das: Stärke und Schwäche. Ich kann mich der Wut hingeben. Das wäre der Weg des geringsten Widerstandes, und den geht man besonders gerne, wenn man schwach ist. Anstatt etwas zu zerstören, kann ich mich jedoch bemühen, Dinge zu erschaffen, aufzubauen, zu reparieren. Das nennt man Stärke – weil es schwierig ist. Das kann jeder tun oder lassen, wie es ihm beliebt. Vielleicht schadet man damit nur sich selbst, vielleicht auch anderen. Oder niemandem. Je nachdem. Kommt drauf an, ob es um die Bauklötzchen im Leben geht, oder um die unersetzlichen Dinge. Bauklötzchen gibt es überall, und davon jede Menge. Unersetzliche Dinge ebenso. Denen begegnet man jedoch nicht jeden Tag, schließlich sind sie unersetzlich. Jeder hat die Wahl, ob er das Trampeltier oder der Friedensstifter sein will.

Doch was ist mit dem Feierabendgedanken? Was ist die Essenz des ewigen Rätsels von Gut und Böse, richtig und falsch, besser und schlechter? Wie gesagt, der Mensch möchte (trotz allem) am Ende doch eigentlich nur eins: Frieden. Mit anderen, aber vor allem mit sich selbst.

Ja, wir machen verdammt viel kaputt. Ja, vieles davon kann man nicht mehr retten. Ja, manchmal machen wir den ganzen Scheiß sogar absichtlich, wenn wir besonders blöd oder verabscheuungswürdige Zeitgenossen sind. Oft genug aber, da wollen wir das gar nicht. Oft genug war es nicht der böse Wille. Vielleicht Wut oder irgendein anderes kompliziertes Gefühl, das wir selbst nicht verstehen, aber keine Absicht. Ja, manchmal zerstören wir Dinge, obwohl wir das gar nicht wollen. Und wenn wir feststellen, dass wir etwas unwiederbringlich kaputt gemacht haben, tut es uns vielleicht sogar Leid.

Ja, vielleicht haben wir mal wieder etwas kaputtgemacht. Und wenn wir es schon nicht reparieren können, so wollen wir doch wenigstens eines: Verständnis für unsere Fehler.

Vielleicht, denke ich nach Feierabend, wollen wir einfach nur, dass uns jemand ein Stück Frieden gibt – damit wir nicht auf unserem Scherbenhaufen sitzen bleiben müssen.

 

*Das betone ich deshalb so explizit, weil es tatsächlich (und leider nicht wenige) Menschen gibt, die der irrigen vollkommen idiotischen Ansicht anheimgefallen sind, man könne ohne Weiteres alles und jeden ersetzen. Ja, ich weiß, es ist erschreckend, aber es gibt sie, diese Leute, die doch wirklich glauben, dass alles austauschbar ist. Immaterielle Werte wie Vertrauen, Zuneigung, Freundschaft (um nur einige wenige von unzähligen zu nennen) oder noch schlimmer: andere Menschen oder gar unsere Erde. Keine Ahnung, wo die das herhaben. Gehirnwäsche? Dummheit? Schlechte Erziehung? Dummheit? Wie auch immer, ich verstehe es nicht. Merkt euch einfach Folgendes: Auch wenn ihr es gerne so hättet, die Welt besteht nicht aus Bauklötzchen. Und nein, die meisten Dinge kann man nicht mit Geld oder schönen Worten wieder hinbiegen. Sorry, das wäre zu einfach.

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Donnerstag, 06/12/2018 – Vom Kompetentaussehen

 

16 Uhr. Ich sitze beim Friseur. Vor wenigen Minuten wurde ich ein paar hundert Meter von meiner Haustür entfernt mal wieder nach dem Weg gefragt. Ich werde häufig nach dem Weg gefragt, wenn ich unterwegs bin. Ich werde alles Mögliche gefragt, wo auch immer ich bin. Nach dem Weg, nach der Uhrzeit, ob ich Dieses oder Jenes weiß, ob ich Dieses oder Jenes kann, ob ich helfen kann, und so weiter. Alles Mögliche halt. All diese Dinge werde ich in Situationen gefragt, in denen ich nicht erwarte, diese Dinge gefragt zu werden. Es sind keine typischen Fragesituationen oder Small Talk oder Fragen, die sich aus einer entsprechenden Situation oder einem Gesprächsverlauf ganz logisch ergeben, so wie es jedem im Alltag begegnet.

Nein, wenn ich so darüber nachdenke und einige dieser Momente rückblickend betrachte, lande ich immer wieder bei der Erkenntnis, dass es einen bestimmten Grund dafür gibt, warum ich häufig Dinge gefragt werde, die ich nicht erwarte gefragt zu werden und die sich aus keinem logischen Zusammenhang ergeben, und ich vermute, dass der Grund der folgende ist: Kompetentaussehen. Dieser Begriff erklärt den Sachverhalt des unerwartet-gefragt-Werdens äußerst treffend von selbst – irgendetwas an meiner äußerlichen Erscheinung oder an meiner Ausstrahlung verbreitet den starken Anschein oder Schein (je nachdem, wie meine Antwort auf die entsprechenden Fragen ausfällt), dass ich Bescheid weiß. Irgendetwas an mir scheint Kompetenz zu signalisieren, was auch immer das sein mag. Etwas in meinem Gesicht, die Art und Weise wie ich mich gebe oder bewege, man weiß es nicht. Kann man einfach nur kompetent aussehen? Kompetent wirken kann man ganz sicher, aber dazu braucht es stets einen größeren Zusammenhang. Man kann gut, schlecht, schön oder grässlich aussehen, aber kompetent? Ich weiß es nicht. Aber vielleicht reicht es auch schon, freundlich, offen oder hilfsbereit auszusehen; wenn man so aussehen kann. Und wenn man es kann, dann ist eins sicher: Ich sehe so aus. Anders kann ich mir all die unerwarteten Fragen und Annahmen (meistens falsch, wie man gleich sehen wird) jedenfalls nicht erklären. Deshalb: Kompetentaussehen. Endlich ein passender Name für diese irritierende, manchmal schmeichelnde, oft jedoch enttäuschende Eigenschaft.

Was soll ich sagen? Es passiert mir echt häufig, unerwartet Dinge gefragt zu werden. Es passiert genauso häufig, dass meine Mitmenschen Dinge von mir vermuten, die sie aus diesem einfachen und gleichzeitig merkwürdigen Grund über mich denken: Weil ich »so aussehe«. Keine Ahnung, wie das funktioniert und warum es so ist, aber ich gebe zu, dass sich daraus auch manchmal recht witzige Dialoge ergeben.

Das älteste Beispiel, an das ich mich erinnern kann (oder zumindest bin ich dort zum ersten Mal bewusst auf das Phänomen des Kompetentaussehens gestoßen), ist eine Situation auf der Arbeit während meiner Ausbildung im Einzelhandel. Ein Dialog zwischen meinem damaligen Chef und mir:

»Könnten Sie das [ein bestimmter Arbeitsablauf] heute machen?«
»Ja. Zeigen Sie mir, wie das geht?«
»Ach, Sie können das gar nicht?«
»Nein, ich musste es bisher nicht machen.«

Okay, sehr harmlos und eher unspektakulär. Viel unterhaltsamer ist es, wenn ich heutzutage in der Hochschule bin (auf dem Weg zum Kurs oder nach dem Kurs oder wo und wann auch immer) und ganz überrascht gefragt werde:

»Was machst du denn noch hier?«
»Ich hatte gerade Kurs?!«
»Echt? Ich dachte, du wärst schon mit der Uni fertig!«

Dazu gehört schon sehr viel Kompetentaussehen. Manchmal passiert es auch, dass jemand scharf nachdenken muss oder auf Lösungssuche ist, ihr oder sein Blick an mir hängenbleibt und dann plötzlich die Erkenntnis zuschlägt. »Ah, jetzt weiß ich.« Vielleicht habe ich irgendetwas an mir oder strahle etwas aus, das nicht nur kompetent aussieht, sondern sofort die Kompetenz der Menschen um mich herum steigert!

Das Kompetentaussehen haftet an mir. Ich erlebe diese Situationen echt häufig. Ich würde um der schönen Fiktion Willen fast behaupten, dass ich sogar in der Schule auch unter der Annahme, kompetent zu sein und die Dinge einfach zu wissen, drangekommen wurde (natürlich ohne mich gemeldet zu haben). Das wäre jedoch gelogen, denn es ist ein offenes Geheimnis, dass man in der Schule ohne sich gemeldet zu haben drangenommen wird, weil … aus Gründen. Aber nicht unbedingt, weil irgendein Lehrer glaubt, man wüsste die Antwort. Ansonsten hätte man sich doch einfach gemeldet. Das bestätigt meinen Verdacht, dass ich vorsätzlich unter der Annahme, etwas nicht zu wissen, drangenommen wurde. Also reine Schikane. Oder auch Erziehung, wenn man so will. Zum Glück wurde ich damals nicht häufig schikaniert, denn eines ist sicher: wenn es Kompetentaussehen gibt, muss es auch ein Inkompetentaussehen geben. Aber sprechen wir nicht darüber.

Zurück zu den echten Fällen von Kompetentaussehen. Oft sind es nichtmal Fragen, die mich an dieses Phänomen glauben lassen. Häufig sind es auch Reaktionen wie die meines damaligen Chefs, wenn mit unterschiedlich heftiger Überraschung festgestellt wird: »Achso, das weißt / kannst / machst du gar nicht?« Eben so, als ob davon ausgegangen wurde, das Gegenteil wäre der Fall. Ich muss echt unheimlich kompetent wirken.

Meine Theorie dazu, warum ich diese Eigenschaft besitze, liegt nicht nur in meinem freundlichen Aussehen begründet, das wäre zu leicht. Nein, ich glaube, dass ich mir dieses Attribut ebenfalls während meiner Ausbildung angeeignet haben muss. Wer in einem Geschäft arbeitet und Dinge verkauft, muss von Natur aus kompetent sein. Sonst könnte man auch nichts verkaufen, ist ja logisch. Und im Idealfall hat man Ahnung von dem, was man tut, sonst würde man es nicht tun sondern etwas Anderes. Ebenfalls logisch. Bis hierhin ist alles klar. Was mir nicht klar ist, ist jedoch dieser weitere Fall von Kompetentaussehen, der mir in der Vergangenheit tatsächlich häufiger als einmal passiert ist und bis hierhin der stichhaltigste meiner Belege ist:

Ich arbeite seit 2014 nicht mehr im Einzelhandel, sondern bin nur noch selber Kundin. Das heißt, dass ich in Geschäften meistens Straßenkleidung, oft auch Jacken trage. Was könnte mich deutlicher als Kundin kennzeichnen, als das Tragen einer Jacke oder gar eines Mantels mit Mütze und Schal? Und hier kommen die lustigen, unergründlichen Wege des Kompetentaussehens ins Spiel:

»Entschuldigung, können Sie mir weiterhelfen?«
»Tut mir Leid, ich arbeite nicht hier.«
»Oh, Verzeihung!!«

Das passiert mir echt häufiger, als es sollte. Und wenn das nicht der ultimative Beweis dafür ist, dass ich an Kompetentaussehen leide, weiß ich auch nicht. Ich denke, das Konzept des Kompetentaussehens ist jedem bekannt oder zumindest einmal selbst begegnet, oder man kennt es von Freunden, oder man kennt es eben von mir, weil ich das Gefühl habe, mich überproportional häufig in solchen Situationen wiederzufinden. Und trotz allem kann ich mir nicht erklären, wo dieses lustige Tierchen herkommt und warum es mich so gern hat und mir überallhin folgt. Ist aber auch wurscht, denn zum Schluss gibt es meine zweitliebste Situation bisher (ja, ihr habt richtig geraten, auf Platz 1 wird für immer die Überraschung darüber bleiben, dass ich nicht in allen Läden dieser Welt arbeite, sondern selbst nur Kundin bin):

[Unterhaltung über Beziehungsdilemmata einer Kommilitonin]
»Hm. Verstehe.«
»Wie ist das denn bei dir?«
»Was meinst du?«
»Achso, du bist gar nicht vergeben?«
»Nein, ich bin Single.«
»Oh, achso. Ich dachte immer, du hättest einen Freund.«
»Müsste ich dann nicht mal von ihm erzählt haben?«
»Ja, schon. Haha keine Ahnung, auf mich machst du immer den Eindruck, als wärst du vergeben.«
»Ach wie schön. Vielleicht werde ich deshalb nie angesprochen.«
»Könnte sein, du wirkst so vergeben.«
»Na super.«

Trotz all der merkwürdigen Situationen und Gespräche, in die mich mein Kompetentaussehen bringt, hat es jedoch auch sein Gutes: Es ist ein wundervolles Gefühl, wenn andere Menschen glauben, dass man unheimlich kompetent ist, dass man alles Mögliche weiß, kann, ist oder getan hat. Das bestätigt den schönen Spruch »Alles ist möglich.« Und das macht mich glücklich.

 

Als ich von meinem Friseurbesuch nach Hause komme und mir die Haare wasche, frage ich mich, warum mir auf dem Heimweg kein übergroßer, kräftiger Mensch begegnet ist, den ich aufgrund seines Kompetentaussehens hätte bitten können, mich doch für ein paar Minuten kopfüber auszuschütteln. So wäre ich die pieksige Makulatur auf meinem Kopf, die mich in diesem Moment an lose Tannennadeln unter dem Weihnachtsbaum erinnert, ohne viel Aufwand losgeworden.