Montag, 04/03/2019 – Was sind Träume?

 

Träume zeigen uns, wovor wir Angst haben.
Oder sie zeigen uns, was wir uns am meisten wünschen.

 

 

 

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Donnerstag, 06/12/2018 – Vom Kompetentaussehen

 

16 Uhr. Ich sitze beim Friseur. Vor wenigen Minuten wurde ich ein paar hundert Meter von meiner Haustür entfernt mal wieder nach dem Weg gefragt. Ich werde häufig nach dem Weg gefragt, wenn ich unterwegs bin. Ich werde alles Mögliche gefragt, wo auch immer ich bin. Nach dem Weg, nach der Uhrzeit, ob ich Dieses oder Jenes weiß, ob ich Dieses oder Jenes kann, ob ich helfen kann, und so weiter. Alles Mögliche halt. All diese Dinge werde ich in Situationen gefragt, in denen ich nicht erwarte, diese Dinge gefragt zu werden. Es sind keine typischen Fragesituationen oder Small Talk oder Fragen, die sich aus einer entsprechenden Situation oder einem Gesprächsverlauf ganz logisch ergeben, so wie es jedem im Alltag begegnet.

Nein, wenn ich so darüber nachdenke und einige dieser Momente rückblickend betrachte, lande ich immer wieder bei der Erkenntnis, dass es einen bestimmten Grund dafür gibt, warum ich häufig Dinge gefragt werde, die ich nicht erwarte gefragt zu werden und die sich aus keinem logischen Zusammenhang ergeben, und ich vermute, dass der Grund der folgende ist: Kompetentaussehen. Dieser Begriff erklärt den Sachverhalt des unerwartet-gefragt-Werdens äußerst treffend von selbst – irgendetwas an meiner äußerlichen Erscheinung oder an meiner Ausstrahlung verbreitet den starken Anschein oder Schein (je nachdem, wie meine Antwort auf die entsprechenden Fragen ausfällt), dass ich Bescheid weiß. Irgendetwas an mir scheint Kompetenz zu signalisieren, was auch immer das sein mag. Etwas in meinem Gesicht, die Art und Weise wie ich mich gebe oder bewege, man weiß es nicht. Kann man einfach nur kompetent aussehen? Kompetent wirken kann man ganz sicher, aber dazu braucht es stets einen größeren Zusammenhang. Man kann gut, schlecht, schön oder grässlich aussehen, aber kompetent? Ich weiß es nicht. Aber vielleicht reicht es auch schon, freundlich, offen oder hilfsbereit auszusehen; wenn man so aussehen kann. Und wenn man es kann, dann ist eins sicher: Ich sehe so aus. Anders kann ich mir all die unerwarteten Fragen und Annahmen (meistens falsch, wie man gleich sehen wird) jedenfalls nicht erklären. Deshalb: Kompetentaussehen. Endlich ein passender Name für diese irritierende, manchmal schmeichelnde, oft jedoch enttäuschende Eigenschaft.

Was soll ich sagen? Es passiert mir echt häufig, unerwartet Dinge gefragt zu werden. Es passiert genauso häufig, dass meine Mitmenschen Dinge von mir vermuten, die sie aus diesem einfachen und gleichzeitig merkwürdigen Grund über mich denken: Weil ich »so aussehe«. Keine Ahnung, wie das funktioniert und warum es so ist, aber ich gebe zu, dass sich daraus auch manchmal recht witzige Dialoge ergeben.

Das älteste Beispiel, an das ich mich erinnern kann (oder zumindest bin ich dort zum ersten Mal bewusst auf das Phänomen des Kompetentaussehens gestoßen), ist eine Situation auf der Arbeit während meiner Ausbildung im Einzelhandel. Ein Dialog zwischen meinem damaligen Chef und mir:

»Könnten Sie das [ein bestimmter Arbeitsablauf] heute machen?«
»Ja. Zeigen Sie mir, wie das geht?«
»Ach, Sie können das gar nicht?«
»Nein, ich musste es bisher nicht machen.«

Okay, sehr harmlos und eher unspektakulär. Viel unterhaltsamer ist es, wenn ich heutzutage in der Hochschule bin (auf dem Weg zum Kurs oder nach dem Kurs oder wo und wann auch immer) und ganz überrascht gefragt werde:

»Was machst du denn noch hier?«
»Ich hatte gerade Kurs?!«
»Echt? Ich dachte, du wärst schon mit der Uni fertig!«

Dazu gehört schon sehr viel Kompetentaussehen. Manchmal passiert es auch, dass jemand scharf nachdenken muss oder auf Lösungssuche ist, ihr oder sein Blick an mir hängenbleibt und dann plötzlich die Erkenntnis zuschlägt. »Ah, jetzt weiß ich.« Vielleicht habe ich irgendetwas an mir oder strahle etwas aus, das nicht nur kompetent aussieht, sondern sofort die Kompetenz der Menschen um mich herum steigert!

Das Kompetentaussehen haftet an mir. Ich erlebe diese Situationen echt häufig. Ich würde um der schönen Fiktion Willen fast behaupten, dass ich sogar in der Schule auch unter der Annahme, kompetent zu sein und die Dinge einfach zu wissen, drangekommen wurde (natürlich ohne mich gemeldet zu haben). Das wäre jedoch gelogen, denn es ist ein offenes Geheimnis, dass man in der Schule ohne sich gemeldet zu haben drangenommen wird, weil … aus Gründen. Aber nicht unbedingt, weil irgendein Lehrer glaubt, man wüsste die Antwort. Ansonsten hätte man sich doch einfach gemeldet. Das bestätigt meinen Verdacht, dass ich vorsätzlich unter der Annahme, etwas nicht zu wissen, drangenommen wurde. Also reine Schikane. Oder auch Erziehung, wenn man so will. Zum Glück wurde ich damals nicht häufig schikaniert, denn eines ist sicher: wenn es Kompetentaussehen gibt, muss es auch ein Inkompetentaussehen geben. Aber sprechen wir nicht darüber.

Zurück zu den echten Fällen von Kompetentaussehen. Oft sind es nichtmal Fragen, die mich an dieses Phänomen glauben lassen. Häufig sind es auch Reaktionen wie die meines damaligen Chefs, wenn mit unterschiedlich heftiger Überraschung festgestellt wird: »Achso, das weißt / kannst / machst du gar nicht?« Eben so, als ob davon ausgegangen wurde, das Gegenteil wäre der Fall. Ich muss echt unheimlich kompetent wirken.

Meine Theorie dazu, warum ich diese Eigenschaft besitze, liegt nicht nur in meinem freundlichen Aussehen begründet, das wäre zu leicht. Nein, ich glaube, dass ich mir dieses Attribut ebenfalls während meiner Ausbildung angeeignet haben muss. Wer in einem Geschäft arbeitet und Dinge verkauft, muss von Natur aus kompetent sein. Sonst könnte man auch nichts verkaufen, ist ja logisch. Und im Idealfall hat man Ahnung von dem, was man tut, sonst würde man es nicht tun sondern etwas Anderes. Ebenfalls logisch. Bis hierhin ist alles klar. Was mir nicht klar ist, ist jedoch dieser weitere Fall von Kompetentaussehen, der mir in der Vergangenheit tatsächlich häufiger als einmal passiert ist und bis hierhin der stichhaltigste meiner Belege ist:

Ich arbeite seit 2014 nicht mehr im Einzelhandel, sondern bin nur noch selber Kundin. Das heißt, dass ich in Geschäften meistens Straßenkleidung, oft auch Jacken trage. Was könnte mich deutlicher als Kundin kennzeichnen, als das Tragen einer Jacke oder gar eines Mantels mit Mütze und Schal? Und hier kommen die lustigen, unergründlichen Wege des Kompetentaussehens ins Spiel:

»Entschuldigung, können Sie mir weiterhelfen?«
»Tut mir Leid, ich arbeite nicht hier.«
»Oh, Verzeihung!!«

Das passiert mir echt häufiger, als es sollte. Und wenn das nicht der ultimative Beweis dafür ist, dass ich an Kompetentaussehen leide, weiß ich auch nicht. Ich denke, das Konzept des Kompetentaussehens ist jedem bekannt oder zumindest einmal selbst begegnet, oder man kennt es von Freunden, oder man kennt es eben von mir, weil ich das Gefühl habe, mich überproportional häufig in solchen Situationen wiederzufinden. Und trotz allem kann ich mir nicht erklären, wo dieses lustige Tierchen herkommt und warum es mich so gern hat und mir überallhin folgt. Ist aber auch wurscht, denn zum Schluss gibt es meine zweitliebste Situation bisher (ja, ihr habt richtig geraten, auf Platz 1 wird für immer die Überraschung darüber bleiben, dass ich nicht in allen Läden dieser Welt arbeite, sondern selbst nur Kundin bin):

[Unterhaltung über Beziehungsdilemmata einer Kommilitonin]
»Hm. Verstehe.«
»Wie ist das denn bei dir?«
»Was meinst du?«
»Achso, du bist gar nicht vergeben?«
»Nein, ich bin Single.«
»Oh, achso. Ich dachte immer, du hättest einen Freund.«
»Müsste ich dann nicht mal von ihm erzählt haben?«
»Ja, schon. Haha keine Ahnung, auf mich machst du immer den Eindruck, als wärst du vergeben.«
»Ach wie schön. Vielleicht werde ich deshalb nie angesprochen.«
»Könnte sein, du wirkst so vergeben.«
»Na super.«

Trotz all der merkwürdigen Situationen und Gespräche, in die mich mein Kompetentaussehen bringt, hat es jedoch auch sein Gutes: Es ist ein wundervolles Gefühl, wenn andere Menschen glauben, dass man unheimlich kompetent ist, dass man alles Mögliche weiß, kann, ist oder getan hat. Das bestätigt den schönen Spruch »Alles ist möglich.« Und das macht mich glücklich.

 

Als ich von meinem Friseurbesuch nach Hause komme und mir die Haare wasche, frage ich mich, warum mir auf dem Heimweg kein übergroßer, kräftiger Mensch begegnet ist, den ich aufgrund seines Kompetentaussehens hätte bitten können, mich doch für ein paar Minuten kopfüber auszuschütteln. So wäre ich die pieksige Makulatur auf meinem Kopf, die mich in diesem Moment an lose Tannennadeln unter dem Weihnachtsbaum erinnert, ohne viel Aufwand losgeworden.

 

 

 

Freitag, 23/11/2018 – Die Magie von Tankstellen. Oder: Was sich gut und richtig anfühlt. Oder: Der Text im Text im Text.

 

Als heute morgen die Haustür hinter mir ins Schloss fiel, blieb ich noch einen Moment stehen. Ich schaute in den blauen Himmel und freute mich über die Sonne. Dann wanderte mein Blick zur Straße und zu dem kleinen Teil davon, der für immer leer bleiben würde. Irgendwo in meinem Herzen wird es immer einen Platz für die Zeit geben, in der an dieser Stelle jemand auf mich gewartet hat. Als die Dinge noch gut und richtig waren.

Ich atme tief durch und genieße noch für ein paar Wimpernschläge den Anblick des sonnenbeschienenen Platzes vor dem Haus. Vor einem Jahr war es genauso. Blauer Himmel, traumhaftes Wetter. Der einzige Unterschied war, dass ich diesen Tag vor einem Jahr nicht so richtig genießen konnte. Vor einem Jahr konnte ich mich nicht über den schönen Tag freuen. Vor einem Jahr hatte mein Tag nicht mit einem entspannten Frühstück und einem gemütlichen Morgen begonnen. Vor einem Jahr hatte ich vor lauter Schmerz nichts essen können oder wollen. Statt am Frühstückstisch zu sitzen und mich auf den Tag zu freuen, hatte ich eine halbe Stunde lang heulend unter der Dusche gestanden, zu sehr darauf konzentriert, meine Fassung wiederzufinden und nicht zusammenzubrechen. Ich war am Boden zerstört. Mir war absolut nicht danach, mich hübsch anzuziehen und aus dem Haus zu gehen und irgendjemandem ein Lächeln zu schenken oder so zu tun, als wäre nichts und als ginge es mir gut. Mir tat alles weh. Aber ich zog mich trotzdem hübsch an, ging aus dem Haus, schenkte allen, die mir begegneten ein Lächeln, auch wenn es mir noch nie so schwergefallen war wie an diesem Tag. Und ich tat so, als wäre nichts und als ginge es mir gut. Ich wollte nicht, dass irgendjemand dieses riesige Loch bemerkte, das in mir klaffte. Ich hatte mich geirrt. War wieder einmal auf meine Gefühle reingefallen. Wie konnte etwas, das sich so richtig angefühlt hatte, falsch gewesen sein?

Ich kämpfte den ganzen Tag mit den Tränen.

Heute war es anders. Es war genauso ein schöner Tag wie vor einem Jahr. Aber heute konnte ich ihn genießen und ich musste nicht nur so tun, als ob es mir gut ginge. Heute ging es mir wirklich gut. Heute konnte ich allen mein echtes Lächeln schenken. Zumindest heute.

Dinge, die sich richtig anfühlen, können auch falsch ein. Das hätte ich früher nie gedacht oder geglaubt. Aber jetzt ist es mir klar. Leider ändert es nichts daran, dass sich falsche Dinge auch unheimlich gut anfühlen können – zumindest für eine Weile.

Was mir heute wie vor einem Jahr geholfen hat, ist die Erkenntnis, am richtigen Ort zu sein. Das macht viel aus, vor allem dann, wenn man sich im Leben gerade auf einer Talfahrt befindet.

Aber was hat es mit dem richtigen Ort auf sich?

Am richtigen Ort zu sein heißt, dass sich alles richtig und gut anfühlt. Und es das auch ist. Keine Verirrungen oder Trugbilder, sondern das Wahre und Echte. Wie ein Zuhause. Dort ist man immer gut aufgehoben, egal, was passiert. Und heute habe ich mal wieder festgestellt, dass ich hier an diesem Ort mein zweites Zuhause gefunden habe. Und die Familie, die man sich aussucht. Wenn sich etwas richtig und gut anfühlt, dann heißt das heute in meinem Fall, dass ich den ganzen Tag mit tollen Menschen an der Hochschule verbracht habe und dachte »Hier gehöre ich hin.« Und das ist ein sehr wichtiger Gedanke für mich. Vor allem jetzt, während meiner Talfahrt.

An schlechten Tagen frage ich mich, ob dieser Ort hier wirklich der Richtige für mich ist. Ob ich das Richtige tue. Ob es das ist, was ich machen sollte und wo ich hingehöre. Ob ich das wirklich möchte. Ob ich hier nicht völlig fehl am Platz bin. Ob ich das alles vielleicht gar nicht kann. Ob ich mir einfach nur die ganze Zeit etwas einbilde. Weil ich gelernt habe, dass sich falsche Dinge auch gut und richtig anfühlen können. Das hat mich völlig aus der Bahn geworfen und aufs Schlimmste verunsichert.

Außer Zuhause habe ich mich noch nie irgendwo richtig oder zugehörig gefühlt. Freunde und Familie, ja. »Mama hat dich immer lieb«, die alte Leier. Aber sonst? Nicht so wirklich. Ich war immer ein stilles, ruhiges Kind. Ja, ich habe auch früher quatschen können wie ein Wasserfall, aber das ging nur, wenn ich mich wirklich wohlfühlte. Zuhause eben, oder mit Freunden. Aber sonst? Meine Eltern konnten mich stundenlang unbeaufsichtigt in meinem Zimmer sitzen lassen – ich habe ganz für mich allein gespielt und war glücklich. Ich brauchte nur mich, ein paar Dinge zum Spielen und meine Fantasie. Ich hatte schon damals ein gutes Gespür dafür, wen ich mochte und wen nicht. Oder zu wem ich einen Zugang finden konnte oder einen Draht hatte. War das nicht der Fall, habe ich mich ferngehalten und mich auch nicht geöffnet.

Vom Kindergarten bis zur Grundschule kann man sich irgendwie noch mit allen Menschen abfinden. Klar gibt es auch Probleme, aber die löst man als Kind entweder mit einer Schippe im Sandkasten oder durch gemeinsames Spielen. Da hieß es dann einfach „Wollen wir Freunde sein?“ und alles war gut. Das ist das Schöne und Unkomplizierte am Kindsein. Aber sobald man auf die weiterführende Schule kommt, ist damit Schluss. Und das bekommen die etwas merkwürdigen, schrulligen Einzelgänger wie ich dann plötzlich zu spüren.

Meine Schulzeit war nicht schlimm. Sie war sogar sehr schön. Aber das war sie nur wegen meiner Freunde und weil ich einer dieser kleinen Streber war, die tatsächlich gerne zur Schule gegangen sind, weil sie sich über die Dinge freuten, die sie lernen und in denen sie gut sein konnten. Ich wurde nie gemobbt, zum Glück. Aber beliebt war ich auch nicht. Ich sah auch nicht besonders gut aus. Und das reicht in der Schule meistens schon, um ein Außenseiter zu sein. Und ich war nicht daran interessiert, mir am Wochenende die Birne wegzusaufen oder in die Dorfdisko zu gehen, die alle so cool fanden. Ich gehörte nicht zu diesen Mädchen, die im Mittelpunkt standen, von allen umringt oder beneidet, über andere lästernd oder über ihr verrücktes Wochenende schnatternd. Das wollte ich auch nie sein. Stattdessen war ich eher unsichtbar. Das hat mich aber auch nicht gestört. Ich gehörte nicht dazu. Aber ich wollte es auch nicht. Das waren alles Dinge, die mir einfach nicht gefielen. Mit denen ich mich nicht wohlfühlte. Und obwohl ich meine Schulzeit mochte, würde ich nicht mehr zurück wollen. Weil ich keinen Draht zu meinen Mitschülern hatte. Ich war das Mauerblümchen. Außer meinen Freunden hat mich niemand interessiert, weil ich niemanden wirklich mochte. Zu arrogant, zu gemein, andere mobbend, eingebildet, unfreundlich, was auch immer. Oder eben einfach nicht mein Fall. Wenn man keinen Draht hat, ist es schwierig. Und in einer Kleinstadt zu leben, war nicht hilfreich. Da hat man als Teenager keine Lust, auch noch in seiner Freizeit den Leuten zu begegnen, die man schon in der Schule nicht besonders mag.

Ich merkte damals schon, dass mir etwas fehlte. Mir hat immer etwas gefehlt, das weiß ich heute. Manchmal, ganz plötzlich, kamen diese Momente, in denen ich es spürte. Ich konnte nie sagen, was es war, aber ich wusste nur, dass mir etwas unheimlich fehlte. Als wäre ein Teil von mir nicht da. Und in der nächsten Sekunde war es so schnell verschwunden, wie es auf einmal über mich gekommen war. Es ist schwer, dieses Gefühl in Worte zu fassen, aber wenn ich es beschreiben müsste, dann wäre es wohl so: Ich fühlte mich, als würde ich verdursten. Aber es gab kein Wasser.

In meiner Ausbildung fühlte ich es dann zum ersten Mal: dieses Gefühl, richtig zu sein. Da waren Menschen in meinem Alter, die sich für die gleichen Dinge interessierten wie ich. Schließlich saßen wir alle hier und wollten den gleichen Beruf lernen. Das verband uns unheimlich. Und das war ein gutes Gefühl. Als zukünftige Buchhändler waren wir alle irgendwie Nerds. Die Unscheinbaren, nicht die coolen Kids. Uns ging es nicht darum, beliebt zu sein. Warum auch? Wir wollten einfach nur das tun, was wir gerne machten. Es war merkwürdig; so fühlte es sich also an, wenn man richtig war.

Im Gegensatz zu Schulzeiten würde ich die Ausbildung wieder machen. Weil mir dort zum ersten Mal klar wurde, was es bedeutete und wie gut es sich anfühlte, am richtigen Ort zu sein.

Und dann kam die FH. Die ersten beiden Semester waren die glücklichste Zeit meines Lebens. Hier gab es nicht nur Menschen, die das gleiche wollten wie ich und mich deshalb besser verstanden (denn ich glaube, darum geht es, wenn man sich irgendwo gut und richtig fühlen will: verstanden zu werden, wirklich gesehen und gehört, nicht nur akzeptiert oder geduldet), hier gab es zum ersten Mal im Leben Menschen, die neugierig und interessiert auf mich zukamen. Hier wurde niemand ausgeschlossen, weil er anders war. Weil es hier niemanden gibt, der nicht anders ist. Und sowas kapieren Teenager eben einfach noch nicht. Deshalb fiel mir meine Schulzeit auch schwerer. Aber hier spürte ich, dass ich endlich angekommen war. Dass ich einen Ort gefunden hatte, an dem man mich mochte, an dem ich sogar beliebt war. Zum ersten Mal in meinem Leben war ich beliebt, das kann ich heute noch nicht glauben, wenn ich so darüber nachdenke.

Was ich sagen will, ist das: An Tagen wie heute sitze ich, Talfahrt hin oder her, in dieser Hochschule, von Menschen umgeben, die so offen, locker und neugierig und voller Energie sind. Menschen, denen andere Menschen wirklich etwas bedeuten und für die ein schönes Miteinander nicht nur Fassade oder eine Lüge ist. Und das ist das, was diesen Tag heute für mich so unheimlich schön gemacht hat. Heute war einer dieser Tage, an denen ich nachmittags leichten Herzens aus der FH spazieren kann und weiß, dass ich nicht zweifeln muss. Dass ich hier genau richtig bin und es das ist, was ich tun möchte. Dass hier ein Ort ist, an dem ich endlich dazugehöre.

»Ich werde jetzt in den dritten Stock gehen und mir den Sonnenuntergang ansehen.«

Ich habe noch eine Spazierrunde durch die Nachbarschaft gedreht. Leider konnte ich von hier aus den Sonnenuntergang nicht sehen, weil die Sonne inzwischen zu tief steht, um sie hinter irgendwelchen Häusern noch sehen zu können.

Während ich durch die Nachbarschaft lief, blieb das gute Gefühl. Ein paar Erinnerungen kamen dazu. Ich musste an zwei Dinge denken, die heute gesagt wurden. »Im Unüberlegten liegt das Glück« und »Nur wer in die Irre geht, kann das Wahre finden«. Das stimmt mit meinem Gefühl überein, dass Dinge, die sich richtig anfühlen, auch falsch sein können. Oder das Dinge, die eigentlich falsch sind, für kurze Zeit auch gut und richtig sein können. Der richtige Weg steckt immer in einem. Man muss ihn nur gehen. Zwischendurch darf man mal abkommen, solange man sich nicht völlig davon abbringen lässt. Abzweigungen sind erlaubt. Auch wenn die Umwege manchmal länger dauern und schmerzhaft sind.

An der nächsten Biegung komme ich an einer Tankstelle vorbei. Auch hier: Erinnerungen. Wahrscheinlich lag es nur am blassen Licht der Abendsonne, aber für einen Moment denke ich, dass Tankstellen doch irgendwie magische Orte sind. Und dass sie, wie jeder Ort, zu verschiedenen Tageszeiten eine völlig andere Atmosphäre und Bedeutung haben. Heute ist es nur diese Tankstelle, die bestimmte Momente wieder wachruft. Früher waren Tankstellen für mich der Ort, an dem wir auf unseren 13-stündigen Autofahrten in den Urlaub Pause gemacht haben. Oder wo mein Vater noch in letzter Minute Blumen für Mama besorgt hat, wenn ihm der Hochzeitstag rechtzeitig wieder eingefallen ist. Hier haben Mama und ich Zeitschriften mitgenommen oder Eis für unterwegs, oder ich dürfte als ich kleiner war mein Heft selbst bezahlen und mich dabei unheimlich erwachsen fühlen. Auf Schulausflügen waren Tankstellen die Orte der Pinkelpausen und wo man sich überteuerte Snacks für den kleinen Hunger besorgen und auf dem Parkplatz kurz quatschen und sich die Beine vertreten konnte.

Diesen Sommer war die Tankstelle für mich ein Ort nach einem schönen Tag am Strand. Wir sind abends nach Hause gefahren und mir war unheimlich schlecht, weil ich zu viel Sonne abbekommen und zu wenig getrunken hatte. Aber das war nicht schlimm. Weil es mir fabelhaft ging. Ich war verliebt und sehr glücklich und neben mir saß der Mensch, neben dem ich zu gerne saß. Irgendwann war es so dunkel, dass nur noch die Lichter auf der Autobahn leuchteten. Scheinwerfer, Rücklichter, Lichter aus der Umgebung. Wir hielten an einer Tankstelle, weil ich unser letztes Wasser in meinen völlig dehydrierten Körper gekippt hatte. Es fühlte sich ein wenig wie früher auf den Urlaubsfahrten an, nur war es diesmal ich, die in das Ladenlokal der Tankstelle ging und zwei Flaschen überteuertes Wasser aus dem Kühlregal nahm, den netten Mann an der Theke das Geld gab und dann wieder in die warme Nacht zum hell erleuchteten Parkplatz ging, wo mein Freund neben dem Auto auf mich wartete. Ich gab ihm meine Geldbörse und hielt mir erstmal die kalten Wasserflaschen an meine sonnenverbrannten Beine, bevor wir weiterfuhren. Das war ein wundervoller Abend. Und alles war gut und richtig. An diesem Tag gab es nichts Falsches. Und an vielen anderen auch nicht. Das weiß ich jetzt.

 

 

Mir ist heute noch etwas klargeworden: In den letzten Monaten und Jahren sind mir auf einmal andere Menschen wichtig geworden. Nicht alle davon sind unbedingt Menschen, die mir sehr nahestehen. Aber trotzdem geben sie mir etwas, was mir andere Beziehungen in meinem Leben nicht mehr geben können. Weil es sie es verlernt oder vergessen oder aus den Augen verloren haben. Dinge, die ich im Moment mehr brauche als alles andere. Neugier, Offenheit, Akzeptanz, Verständnis, Lockerheit, Füreinanderdasein und eine Schwamm-Drüber-Mentalität. Für mich da sein. Mir zeigen, dass ich ihnen wichtig bin. Interesse an mir und an den Dingen, die mir wichtig sind. Nicht aus einem freundschaftlichen oder familiären Pflichtgefühl heraus, sondern ehrlich und aus Neugier. Zuspruch. Und einen Rückzugsort. Ein Ort, an dem ich mich nicht fehl am Platz fühle. Und den habe ich zum ersten Mal in meinem Leben hier gefunden. Weil es hier eine handvoll Menschen gibt, die mir all das geben, bewusst oder unbewusst.

 

 

Hier gehöre ich dazu. Hier bin ich richtig.