Zuhause.

 

Zuhause. Auf einem Samstagsspaziergang vor zwei Wochen kam mir die Idee, einen Text darüber zu schreiben, was das eigentlich ist – zuhause. Bevor ich jedoch zum eigentlichen Thema komme, also der Frage, was für mich »zuhause« bedeutet, werde ich (für mich total untypisch, aber manchmal auch so gar nicht) in den nächsten Absätzen eine viel zu lange, nachdenklich-nostalgische und viel zu schwafelige Vorgeschichte darüber erzählen, wie es überhaupt dazu kam, dass ich über »zuhause« nachgedacht habe. Wer das überspringen möchte, den lade ich hiermit dazu ein, die nächsten paar Absätze links liegen zu lassen und beim fett markierten Satz einzusteigen.

Und wer direkt zu den für mich mehr als typischen Textpassagen möchte, eher auf das altbekannte Gänsehautgefühl steht und die neue Sachlichkeit unsexy findet, scrollt zur zweiten fett markierten Stelle unter der Linie.

 

Ich gehe nicht oft spazieren, oder zumindest nicht so oft, wie ich gerne möchte und wie es mir guttäte. Das liegt daran, dass ich ein echtes Kleinstadtkind bin (ich möchte beinahe Beinahe-Landei sagen) und bis vor meinem Umzug in die Stadt Felder und Wälder gewöhnt war, und das weniger als 5 Minuten Fußweg von Zuhause entfernt. Also ein wahrer Luxus für Körper, Geist und Seele.

Hier, wo ich jetzt bin, ist das schwieriger geworden. Ich habe die große Straße um die Ecke inzwischen wirklich sehr lieb gewonnen, schließlich ist das meine Nachbarschaft und ich wohne hier, aber wenn die eigenen Gedanken manchmal schon grau genug sind, hat man nicht immer Lust, Straßen über Straßen in der Stadt entlangzulaufen, den Verkehrslärm als Hintergrundmusik. Das Kleinstadtkind in mir, das Feld und Wald über alles liebt, sehnt sich eben einfach nach mehr. Und die nächsten Wälder, die denen in der Heimat gerecht werden, sind von hier aus 20-40 Minuten Busfahrt entfernt. Auch das hilft nicht, wenn man wie ich viel lieber einfach loslaufen und schnell in der Natur sein will.

An diesem Samstag vor zwei Wochen hatte ich Zeit und Sonne. Und das Bedürfnis, einfach loszulaufen und dann weiterzulaufen. Irgendwohin, wo ich noch nicht gewesen bin. Straßen und Wege entlang, die ich noch nicht kannte. Ganz egal, wie lange, denn ich würde einfach so lange weiterlaufen, bis ich keine Lust mehr hätte, wann auch immer das sein würde. Und ich dachte mir: Auch hier muss irgendwo ein kleines Fleckchen Grün sein, das ich ohne Bus erreichen kann. Und das habe ich dann über Umwege auch gefunden. Keinen Wald, sondern Felder. Ja, ich gebe zu, die in der Heimat waren viel größer und weitläufiger, aber als ich die Felder hier entdeckt hatte, fühlte sich das an wie früher. Wie zuhause. Für einen Augenblick, während ich auf dem Feldweg stand und mir die Sonne ins Gesicht scheinen ließ, nichts als freie, weite, grüne Fläche um mich herum und einen strahlend blauen Himmel über mir, habe ich mich wieder ein klein wenig wie in meiner Kleinstadt gefühlt. Und das Schönste an diesem Moment war die Erkenntnis: »Hey, das ist nicht weit weg!«

Um diesen Ort zu erreichen, kann ich wirklich einfach loslaufen. Deshalb war ich an diesem Samstag vor zwei Wochen so froh darüber, die Felder gefunden zu haben. Felder und Wald sind eben einfach Dinge, die ich mit meiner Heimat verbinde. Ich wohne inzwischen wirklich gern in der Stadt, aber jeder, der von einem kleineren Ort in einen großen zieht, weiß, warum es nicht das Gleiche ist.

Aber als ich dort auf dem Feldweg stand, habe ich noch nicht darüber nachgedacht, was zuhause für mich bedeutet.

Ich wusste nicht genau, wie ich von dort aus wieder nach Hause kommen würde, aber den gleichen Weg zurückgehen wollte ich nicht, also bin ich in eine andere Richtung weitergelaufen. An einem Reitstall vorbei, durch ein ruhiges, schönes Wohngebiet und dann kam am Ende der Straße der Moment, der diesen kleinen Schalter in meinem Kopf umgelegt und mir ein Lächeln ins Gesicht gezaubert hat: Ich konnte von hier aus in der Ferne die Kirchtürme sehen, die ich seit zwei Jahren jedes Mal sehe, wenn ich aus dem Fenster schaue. Dieses Gefühl, nicht zu wissen, wo man gerade ist und dann etwas zu entdecken, was man kennt – das war schön. Wie ein Leuchtturm. Als ich meine Nachbarskirche erkannt habe und mir klar wurde, in welche Richtung ich laufen musste, um wieder nach Hause zu kommen, da war mein erster Gedanke: »Da geht’s nach Hause!«

Sobald ich die Richtung wusste, war ich schnell wieder auf mir bekannten Wegen. Und da kam mir die Idee. Zuhause. Darüber könnte man einen ellenlangen Text schreiben, noch viel länger, als dieser Text inklusive Vorgeplänkel ist, aber das spare ich mir für ein anderes Mal oder für Nie auf, und überlasse es all den Philosophen, Psychologen und Dichtern dieser Welt, eine schöne, detaillierte Abhandlung darüber zu schreiben. Ich möchte bei einer kleinen Aufzählung bleiben – aber die kommt zum Schluss.

Zuhause. Mein Kirchturmmoment der Erkenntnis war das erste der Dinge, die ein Zuhause zu einem Zuhause machen.

Zuhause – das sind Orte und Dinge, die man kennt. An denen man sich nicht (mehr) fremd fühlt, auch wenn man den Weg nicht weiß.

Für mich war das schon als Kind ein wichtiges, starkes Gefühl. Und vergangenen Sommer konnte ich feststellen, dass dieses Gefühl immer noch da ist. Früher waren es die Heimfahrten aus dem Urlaub oder von langen Abenden bei Freunden oder Besuchen bei Verwandten. Wenn ich mit meinen Eltern im Auto saß, todmüde und irgendein Plüschtier im Arm, die vorbeirasenden Lichter der Straßenlaternen beobachtend, während mein Vater uns auf diese sichere, gemütliche Fahrweise nach Hause gebracht hat, die nur Väter draufhaben. Für mich gab es als Kleinkind und auch danach nichts Besseres.

Und auf den Heimfahrten aus dem Urlaub gab es immer so etwas wie meinen Kirchturmmoment. Der einzige, der die Strecken in und auswendig kannte, war mein Vater. Aber ich und meine Schwester saßen auf der Rückbank und freuten uns erst richtig auf Zuhause, sobald an der nächsten Straßenecke etwas vorbeizog, was wir kannten. Und da wussten wir: Es ist nicht mehr weit bis nach Hause.

Mein zweiter Zuhause-Moment auf diesem Spaziergang kam mit meinem knurrenden Magen. Meine kleine Samstagsrunde war etwas ausgeartet und auf dem Rückweg war zwar eine Bäckerei, aber da ich nicht damit gerechnet hatte, so lange unterwegs zu sein, hatte ich außer meinem Schlüssel und meinem Telefon nichts dabei. Und da musste ich an meinen Vater und eine seiner für ihn typischen Nachfragen denken, sobald man das Haus verließ:

»Hast du Geld dabei?«

Als Kind habe ich es nicht verstanden und als Jugendliche habe ich mich ein wenig darüber lustig gemacht, dass mein Vater allen Familienmitgliedern immer gepredigt hat, nie ohne Geld aus dem Haus zu gehen. In diesem Moment wusste ich, warum er es immer gesagt hat. Und die Erinnerung an diesen schönen Spruch, die mir mein knurrender Magen und meine leeren Taschen beschert haben, das ist ein weiterer Bestandteil von »Zuhause«.

Da entstand die Idee zu diesem Text. Und in den letzten zwei Wochen habe ich mal mehr, mal weniger darüber nachgedacht, was das eigentlich ist – zuhause. Und hier ist es:

 


 

Zuhause ist da, wo wir wir selbst sein können. Wo ich ankommen kann.
Wo ich glücklich bin. Zuhause ist, wo mein Herz schlägt.
Zuhause ist, wo mein Herz bricht.

Zuhause ist Sicherheit. Zuhause ist Wärme. Zuhause ist da, wo man mich liebt, wie ich bin. Wo wir gemeinsam lachen und ganz ausgelassen sein, aber auch gemeinsam einträchtig schweigen können.

Zuhause ist da, wo sich alles richtig und gut anfühlt.

Zuhause ist, wenn man sich fallen lassen kann. Und getragen wird.

Zuhause ist Geborgenheit.

Zuhause ist noch so viel mehr als bloß ein Ort, an den man am Ende des Tages zurückkehrt.

Zuhause ist da, wo jemand auf dich wartet, dem du wichtig bist.

Zuhause ist, füreinander da zu sein. Egal, was passiert.

Zuhause ist Liebe, aber es ist auch Streit. Doch vor allem ist Zuhause, sich zu vergeben und sich jedes Mal wieder zusammenzuraufen.

Zuhause ist, wenn man sich trotzdem mag.

Zuhause sind auch die Dinge, die einem fehlen.

Zuhause kann manchmal ziemlich wehtun.

Zuhause ist da, wo man so geliebt wird, wie man ist. Egal, wie man ist.

Zuhause sind die guten und die schlechten Dinge.

Zuhause ist Respekt und Akzeptanz.

Zuhause ist Zuneigung.

Zuhause ist Ehrlichkeit.

Zuhause ist eine Umarmung.

Zuhause ist, verstanden zu werden.

Zuhause ist ein Ort, an den ich immer wieder zurückkehren kann, egal, was passiert.

 

 

Zuhause ist, wo mein Herz schlägt.

 

 

 

 

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Sonntag, 21/10/2018 – Aus einem Film

 

»You can fool yourself and everyone else,
but you can’t fool me. I know who you are.«

»You don’t know anything about me, loser.«

»I know everything about you.
I know you play like you’re the meanest and the hardest
but actually you’re the most scared of all.«

»Shut up!«

»I know you steal batteries you don’t need
and you push away anyone who’s willing to put up with you
because just a little bit of love reminds you of
how big and empty that hole inside you actually is.«

 

 

Mittwochnachmittag. Das Blöde an der Erkenntnis.

Das Deprimierende am Älterwerden ist doch einfach nur, dass man mit fortschreitender Lebenszeit allmählich das wahre Ausmaß aller schlechten Dinge dieser Welt begreifen kann. Man entwickelt unwiderruflich ein Bewusstsein dafür, dass so gut wie alles im Leben auch eine Schattenseite hat.

Und das ist das Wunderbare am Kindsein: man hat weder Augen, Sinn noch Verständnis von all dem Schlechten. Es existiert nicht, weil man es noch nicht begriffen hat. Und bis dieses Verständnis einsetzt, kann man sich noch das Vertrauen bewahren, dass die Dinge gar nicht anders können, als gut, wahr, echt, einfach und schön zu sein.

Freitag, 05/10/2018 – Im Feierabendgewimmel

Es ist 18 Uhr 52 und ich bin endlich zuhause. Na ja, um ehrlich zu sein bin ich schon seit einer Stunde zuhause, aber eben noch nicht so richtig angekommen. Ob ich jetzt schon richtig angekommen bin, weiß ich nicht, denn eigentlich sitze ich nur mit meinem Abendessen im Sessel und schreibe diesen Text hier. So richtig angekommen sein werde ich wohl erst, wenn der Text geschrieben und das Essen gegessen ist und ich mich in meine Schlafklamotten und dann mit einem Film ins Bett werfen kann. Und dieser Text muss jetzt geschrieben werden, das sagt mir das Gefühl, das ich bei jedem Anfall von Schreibwahn habe und das mir die wundervolle Fähigkeit verleiht, die Worte direkt aus meinem Herzen über den Kopf in meine Fingerspitzen auf die Tasten zu schicken. Ohne lange nachzudenken und genau so, dass es direkt passt. Wenn doch bloß alles im Leben so einfach wäre. Aber fangen wir vorne an.

Morgens. Der Wecker klingelt. Von den fünf Malen, die ich die Schlummern-Taste drücke, kann ich mich, als ich mich ein letztes Mal laut seufzend mit Decke über dem Kopf umdrehe, nur an zwei erinnern. Was noch vorletzte Woche super funktioniert hat (das frühe Aufstehen), will mir mit meiner Schniefnase und dem fiebrigen Kopf so gar nicht gelingen. Am liebsten würde ich heute im Bett bleiben. Und morgen auch. Mich das ganze Wochenende gesund schlafen. Aber ich muss zur Arbeit.

Heute ist mal wieder einer dieser Tage, an denen ich schon vor dem Zähneputzen tausend Gedanken im Kopf habe, die mich beschäftigen und mich einfach nicht loslassen wollen. Diese besonders nervigen Gedanken, die immer wiederkommen und sich hartnäckig in den Hinterkopf bohren, wo man sie an besonders schlechten Tagen hin und her wälzt. Noch bevor meine Wohnungstür hinter mir ins Schloss fällt, habe ich sie schnell aufgeschrieben. Ich habe diese Dinge schon sehr oft aufgeschrieben, denn an meinen Gedanken ändert sich nichts, aber das hindert sie nicht daran, sich hin und wieder in aller Vehemenz zurückzumelden.

Auf den letzten Metern zum Büro. Während ich neben der Sonne herlaufe, sind mein Kopf und mein Herz wieder voller Erinnerungen. Ich überlege mir jetzt schon, was ich mir nach Feierabend Gutes tun kann, um mich davon abzulenken. Eine Feierabendbelohnung sozusagen. Ja, das klingt gut und besänftigt die aufkommende Aufgewühltheit sofort.

Gefühle sind ganz schön mächtig, denke ich und stelle mir vor, wie man die Kraft von schlechten Gefühlen auch dazu nutzen kann, um etwas Gutes zu erreichen, anstatt sie gegen sich selbst zu verwenden, so wie es meistens üblich ist. So wie in diesem Spruch über die Angst. Dass Angst dich schneller laufen, stärker kämpfen und höher springen lässt – dass Angst eine Superkraft ist. Vielleicht können die anderen schlechten Gefühle ja auch irgendwas Tolles.

Auf der Arbeit kämpfe ich weiterhin mit meiner Schniefnase und meinem viel zu dichten Kopf. Bei dem Gedanken daran, dass ich morgen in diesem Zustand, der mehr tot als lebendig ist, mindestens zwei Stunden in öffentlichen Verkehrsmitteln verbringen muss, weil eine Geburtstagsfeier in der Heimat ansteht, geht es mir auch nicht besser. Am liebsten würde ich das ganze Wochenende durchschlafen. »Mir ist im Moment eh alles zuviel und es geht mir auch so schon dreckig genug, da habe ich echt keine Lust, noch eine Woche länger krank zu sein.« Und mich in Gesellschaft aufzuhalten, füge ich in Gedanken hinzu.

Nach Feierabend stehe ich an der Straßenbahnhaltestelle und genieße die Sonne. Nichts wärmt schöner.

Unterwegs beobachte ich die Menschen um mich herum. Ich beobachte ohnehin sehr gerne. Ich mag es aber auch, nicht immer zu genau hinzusehen. Dazu eignet sich ein Feierabendbummel durch die Innenstadt sehr gut. Vorbeiziehende Gesichter, Momente, Gespräche. Nichts bleibt, man behält nur einzelne Fetzen der Dinge, die einem auf dem Weg begegnen. Das freundliche Lächeln der Frau mit dem Kinderwagen, das alte Ehepaar, das sich die Hände reicht und so weiter.

In der netten kleinen Buchhandlung am Ende der Straße lasse ich mich kurz beraten und nehme ein Buch mit, das ich schon länger lesen möchte. Eigentlich wollte ich nichts kaufen, aber ich kann einfach nicht in einen Buchladen gehen, ohne mindestens ein Buch mitzunehmen. Selbst dann nicht, wenn ich mir die immer weiter wachsenden Stapel ungelesener Bücher vor Augen führe, die zuhause treu auf mich warten.
Bevor ich den Laden verlasse, schaue ich mich noch einmal in Ruhe um. Ich halte mich gerne in Buchhandlungen auf. Ich liebe die Atmosphäre, die ein großer Raum voller Geschichten verbreitet und kann mich einfach nicht sattsehen an den vielen verschiedenen Büchern. Die Ruhe und gleichzeitig die Neugier auf das, was sich zwischen all den Seiten befinden mag. Als dieser magische Augenblick vorbei ist, wünsche ich der freundlichen Buchhändlerin einen schönen Abend und mache mich auf zum nächsten Geschäft, um die Geschenke für morgen zu besorgen.

Noch zwei Stunden bis Ladenschluss, aber die Fußgängerzone ist voller ausgelassener Menschen in Wochenendstimmung, die an diesem schönen Nachmittag durch die Sonne spazieren und durch die Läden bummeln. Es ziehen lauter fröhliche, lächelnde oder schwatzende Menschen an mir vorbei und heute schafft es dieser Anblick sogar, auch meine Stimmung zu heben. Das Wetter und das neue Buch in meiner Tasche tun ihr übriges, sodass ich mich schon deutlich besser gelaunt nach einer Kleinigkeit für morgen umsehen kann.

Der Mann an der Kasse sieht nett aus und lächelt mich so freundlich an, als er mir ein schönes Wochenende wünscht. Aber für sowas habe ich in nächster Zeit erstmal sehr, sehr lange keinen Kopf. Und kein Herz.

Im nächsten Geschäft wird meine eben noch so gute Laune sofort gedämpft, als ich ganz unverhofft ein Gesicht sehe, dessen Anblick mir wieder alles in den Kopf ruft, was ich mir heute morgen noch von der Seele geschrieben habe. Auch wenn dieses Gesicht nichts dafür kann. Weder für das, was passiert ist, noch für das, was ich denke. Trotzdem hat es diesen Effekt auf mich. Ich schüttle den Kopf, um die blöden Gedanken zu vertreiben. Als ich den Laden wieder verlasse, fällt mir ein, dass ich noch etwas für meine Nachbarin besorgen wollte. Ein Dankeschön dafür, dass sie so eine tolle Nachbarin ist. Gute Nachbarn sind eines der Dinge, die selten und wertvoll sind, deshalb sollte man sie hin und wieder entsprechend würdigen. Ohnehin sollte man guten Menschen im Leben öfter zeigen, wie lieb und wichtig sie einem sind, oder es ihnen zumindest häufiger sagen und es ehrlich meinen. Dafür gibt es tausend gute Gründe.

Wann hat dir das letzte Mal jemand etwas Schönes gesagt oder erklärt, wie wichtig du ihm bist oder was er oder sie an dir mag? Manchmal braucht man sowas einfach. Weil es Balsam für die Seele ist. Vor allem dann, wenn genau die gerade schmerzt. Aber selbst wenn nicht – es tut einfach gut, solche Worte zu hören. Und wir sagen sie viel zu selten. Also legen wir am besten direkt los.

Auf dem Heimweg entscheide ich mich für eine andere Abzweigung als sonst. Heute gehe ich die Straße entlang, auf der mir die meiste Sonne ins Gesicht scheint. An meiner Haustür angekommen bin ich trotzdem fertig. In jeder Hinsicht. Müde von der Arbeit, müde vom Kranksein, müde von den Veränderungen, müde von den Gefühlen und Gedanken, müde vom Feierabendgewimmel, müde vom Einkäufeschleppen und müde von der Planung für die nächsten Tage. Obwohl ich jetzt viel lieber alles sofort fallen lassen und mich ins Bett legen würde, entscheide ich mich für den Umweg über den Garten. Das ist genau das, was ich jetzt brauche. Noch ein paar Minuten mit meiner Nachbarin und den Katzen im Garten sitzen, die frische Luft und die letzten Sonnenstrahlen genießen und kurz über den Tag plaudern.

»Warum ging es dir denn gestern Abend nicht so gut?« Weil es diesen einen Menschen für mich nicht mehr gibt, mit dem ich das alles gern teilen würde.

Nachdem wir die Fellnasen ins Haus getrieben und uns noch einen schönen Abend gewünscht haben, schließen wir unsere Türen. Ich lege alles ab, mache mir mein Abendessen warm und lasse mich in meinen Sessel fallen. Hier sind wir wieder. Ich schaue aus dem Fenster. Der Kirchturm leuchtet rot in der Abendsonne. Es gibt noch so viel zu tun. Aber das mache ich heute nicht mehr. Jetzt möchte ich mir nur noch diesen Tag von der Seele schreiben um nicht mehr an all das denken zu müssen, was wir nicht mehr gemeinsam tun werden.